Ein Auszug aus der Chronik der Heimatkapelle Michelau

 

Die Gründung und die ersten Jahre

Natürlich gab es schon vor 1945, dem Gründungsjahr der Heimatkapelle Michelau, Musik in Michelau. Junge Männer, darunter der spätere Gründer der Jubiläums­kapelle, Sepp Böhm, musizierten bereits in der Kapelle Valentin Mack in den zwanziger Jahren.

Im Herbst 1945, nach den Wirren des 2. Weltkriegs, fanden sich Alfred Weinbeer, Peter Herbig und Ferdl Götz zusammen, um gemeinsam zu musizieren. Nachdem Instru­men­te beschafft waren, was sich damals schwierig gestaltete, begannen die drei jungen Musikanten Kirchen- und Volkslieder zu proben.

Bald darauf kehrte auch der Leiter einer Polizeikapelle, Obermusikmeister Sepp Böhm, in seine Heimatgemeinde zurück. Alfred Weinbeer bat diesen den jungen Musikan­ten Unterricht zu erteilen und die Leitung der kleinen Gruppe zu übernehmen. Sepp Böhm, der durch das Absolvieren des Konservatoriums Würzburg und der Musikhoch­schule Berlin sicherlich höhere Ansprüche und Klangvorstellungen hatte, willigte ein, zu­mal er in den jungen Burschen Talent erkannte. Zudem konnte er einen früheren Wunsch verwirklichen: wieder eine Kapelle in seinem Heimatort ins Leben zu rufen und für diese eine harmonisch einwandfreie Instrumentation der Choral- und Prozessionsmusik zu schreiben.

Nach dem ersten erfolgreichen Auftritt des Quartetts an einer Hochzeit, konnten weitere Mitglieder gewonnen werden:  Kilian Ditzel an der Tuba, Franz Finster, sowie Oberlehrer Georg Kohlhaupt. Dieser hatte seine Militärzeit beim Musikzug des Reichs-arbeits­dienstes verbracht und wurde deshalb Stellvertretender Leiter der jungen Kapelle. In dieser Besetzung konnten die österlichen Festtage des Jahres 1946 feierlich umrahmt werden, sehr zur Freude der Einwohner.

Fortan fanden sich immer mehr lernwillige junge Musikanten ein und die Kapelle wuchs innerhalb kurzer Zeit auf zwölf, 18, 20 und mehr Mitglieder. Die Noten für Unter­richt in Form von Tonleitern und Etüden, sowie die Noten für Kirchen- und Volkslieder schrieb Sepp Böhm in nächtelanger Arbeit selbst. Die Musikverlage in den Städten waren größtenteils ausgebombt, Noten waren also nicht aufzutreiben. Ebenso schwierig gestal­tete sich die Instrumentenbeschaffung vor der Währungsreform. Oftmals konnten Instru­mente nur gegen Naturalien wie Butter, Schweinefett, Wein, Schnaps, Klee oder Weizen erstanden werden.

Doch die Begeisterung für das Musizieren überwog, das Betätigungsfeld erwei­terte sich und musikalische Verpflichtungen bei Standkonzerten, Feiern und Festen ver­schiedener Art, sowie Abendveranstaltungen konnten übernommen werden. Bei mehre­ren Standkonzerten im Landkreis Gerolzhofen für eine soziale Vereinigung, stellte deren Leiter die jungen Musikanten stets mit den Worten „das ist eine echte Heimatkapelle“ vor. Nach anfänglichem Zögern übernahmen die Musiker schließlich diesen Namen und wurden so 1947/48 zur „Heimatkapelle Michelau im Steigerwald“.

 

Die junge Blüte

Mit zunehmender Stärke der Besetzung wagten sich die Musiker unter Sepp Böhm schon bald an alte Volkstänze und Volksweisen. Weiterhin trugen die regelmäßigen Proben ein- bis zweimal wöchentlich ihre Früchte. Mit zunehmendem Bildungsgrad der Kapelle, sowie fortschreitendem technischem Können und Beherrschen der Instrumente drangen die Musiker Stück für Stück in die Bereiche der Operettenmusik und klassischen Musik vor.

Im näheren und weiteren Umkreis waren bis um die 60er Jahre keine Kapellen vorhanden, die eine Größenordnung, sowie eine Besetzungs- und Repertoirevielfalt, wie die Heimatkapelle Michelau aufwiesen. So kam es, dass die Heimatkapelle im Jahr 1955 auch Stadtkapelle der Kreisstadt Gerolzhofen wurde. Diesen Titel hatte sie zwanzig Jahre lang bis 1975 inne und gab diesen an eine damals in Gerolzhofen gegründete Kapelle, die heutige Stadtkapelle Gerolzhofen, wieder ab.

Die Herausgabe einer Schallplatte mit dem Steigerwald-Lied von Sepp Böhm, sowie Rundfunkauftritte in Nürnberg trugen zudem in dieser Zeit dazu bei, dass der Bekanntheitsgrad der Kapelle rasch wuchs. Zahlreiche Sänger-, Feuerwehr-, Schützen-, Kriegervereins- und Weinfeste, sowie verschiedene Konzertabende standen zu dieser Zeit auf dem Jahresplan. Städtejubiläen in Gerolzhofen, Prichsenstadt und Schweinfurt, 800-Jahr-Feier der Pfarrei Gößweinstein, 850-Jahr-Feier des Marktes Ebrach oder die 650-Jahr-Feier des Bürgerspitals Würzburg zählten zu den Höhepunkten in der fränkischen Heimat.

Zu den wachsenden Auftritten im näheren Umkreis gesellten sich auch bald Gast­spiele in der Ferne. Ob beim Musikfest der Feldmusik in Hochdorf bei Luzern in der Schweiz, beim Partnerschaftstreffen Gerolzhofen-Mamers in Frankreich, oder einem Konzert und einer Abendveranstaltung in Berlin wurde die Musik aus dem Steigerwald sehr geschätzt. Eine besondere „Auszeichnung“ für die Heimatkapelle war die musikalische Begleitung der Einweihung des Minensuchschiffes „Steigerwald“ in Hamburg im Jahr 1969 als Vertreterin der namensgebenden Region.

 

Die Heimatkapelle Michelau im Lauf der Zeit

Bei vielen Veranstaltungen in der Folgezeit, egal ob kirchlich oder weltlich, bei Festzug, Konzert, Großem Zapfenstreich oder Festen verschiedener Art war die Musik der Heimatkapelle Jahr für Jahr gefragt. Neben der Darbietung der Musik kam auch der Aus­tausch mit anderen Kapellen, Chören und Gruppen nicht zu kurz. Aus einigen Begegnun­gen wurden Freundschaften, die bis heute andauern und gepflegt werden. Seit 1973 be­reits besteht eine Freundschaft zum Gesangsverein „Frohsinn“ aus Pfändhausen. Die jeder­zeit herzliche Verbindung mit dem Tambourkorps Grafschaft im Sauerland fand ihren Ursprung 1975 beim Feuerwehrfest in Castell. Seit 1984 begleitet die Heimatkapelle jähr­lich den Pfingstauszug der Bürgerwehr Königsberg, woraus auch eine rege Freundschaft entstanden ist. Eine besondere freundschaftliche Verbindung besteht seit vielen Jahr­zehnten zum  Fanfaren- und Spielmannszug Hofheim. Der erste Auftritt der Heimatkapelle in Hofheim beim 100-jährigen Bestehen des Vereins „Frohsinn“ im Jahr 1957 blieb wohl in guter Erinnerung, ebenso das Wirken des Obermusikmeisters Sepp Böhm bei der Polizei und bei der Stadtkapelle Hofheim, was sicherlich Grundsteine der heutigen Freundschaft sind.

In den 1980er Jahren änderte sich die Heimatkapelle grundlegend: erstmalig waren Musikantinnen dabei, Heinrich Johannes wurde 1. Vorstand und warb um passive Mitglieder. Die Heimatkapelle wurde zum eingetragenen Verein. Durch die Auflösung des Kühlhauses in Michelau konnten die Musikerinnen und Musiker ihr eigenes Vereinslokal, das „Musikantenstadl“, beziehen. Man fuhr nach Rom und begleitete die Priesterweihe des ehemaligen Musikers Stefan Eirich.

Musikalisch musste sich die Heimatkapelle von Altbewährtem verabschieden. Nach Sepp Böhm folgten Urban Hauck, Konrad Ring, Jürgen Elsen und Matthias Vogt als Dirigenten mit ihren jeweils eigenen Klang- und Repertoirevorstellungen.

Die Jubiläen des Vereins wurden stets gebührend gefeiert. Die Hauptattraktionen und Publikumsmagnete mit bis zu zehntausend Besuchern waren die insgesamt sechs Historischen Festzüge.

 

Heimatkapelle heute

Zu Beginn des neuen Jahrtausends waren die Verantwortlichen des Vereins be-sonders gefragt. Nachwuchs konnte bisher nur schwer in die bestehende Gemeinschaft integriert werden, zudem dezimierte sich der Stamm der Kapelle durch Krankheit und Tod vieler langjähriger treuer Musikerinnen und Musiker deutlich.

Mit der Gründung der 1. Bläserklasse Michelau im Oktober 2003 wurde der ent-scheidende Grundstein für das heutige Blasorchester gelegt. 25 Kinder und jung geblie-bene Erwachsenen begannen damals ein Blasinstrument oder Schlagzeug zu lernen. Be-reits zwei Monate später gestalteten die ABC-Schützen auf ihren Instrumenten unter Dominik Ring die Adventsfeier der Heimatkapelle. Nach sechs Jahren Ausbildung, die sich in Unterricht am Instrument, sowie einer wöchentlichen Orchesterprobe aufteilte, konnte die Bläserklasse in die bestehende Heimatkapelle integriert werden. Gleichzeitig über-nahm Marco Wolf den Taktstock für das gesamte Orchester, das sich in diesem Moment stark verjüngte und von 20 auf über 40 Musikerinnen und Musiker wuchs.

Das Repertoire änderte sich ebenso. Von nun an wagte sich das junge Orchester an Transkriptionen klassischer Werke, symphonische Blasmusik und Melodien aus Film und Musical, also konzertante Blasmusik. Aber auch der volkstümlichen Unterhaltungs-musik blieb man treu, ebenso der Pflege von Traditionsmärschen.

Mit der Ausrichtung der Probenarbeit verlagerten sich auch die Auftritte von der Unterhaltungsmusik in Richtung Konzert. Natürlich bestimmen weiterhin auch viele kirch-liche Auftritte, Ständchen, Festzüge oder die musikalische Gestaltung von verschiedenen Festen im Umkreis den Jahreskalender. Seit 2010 stellen jedoch zwei bis drei Konzerte im Jahr die Schwerpunkte der musikalischen Tätigkeit dar. Durch Anschaffung und Einsatz von einem vollständigen Schlagwerk mit Pauken, Glockenspiel, Röhrenglocken, Xylophon und Vibraphon, sowie vielen Percussioninstrumenten wuchs die Klangfülle der Heimatkapelle in den Konzerten um ein Vielfaches. Ebenso tragen eine sehr breite Instrumentierung, die neben den gewöhnlichen Blasinstrumenten auch einige Mangelinstrumenten wie Fagott, Bassklarinette, Baritonsaxophon, Piccoloflöte oder Kontrabass enthält, zu viel Abwechs-lung und Klangfülle bei. Überhaupt macht es die derzeitige breite Besetzung erst möglich, das ein oder andere Konzertwerk spielen zu können. Die Heimatkapelle Michelau hat heute 48 aktive Musikerinnen und Musiker und ist so jung wie seit der Gründung nicht mehr. Vom spielerischen Niveau bewegt man sich auf Mittelstufenebene, teilweise werden aber auch Stücke der Oberstufe und Höchststufe gekonnt vorgetragen.

 

Gitarrengruppe, Zupfensemble „SaitenSprung“ und Vokalensemble

Im September 1997 gründete Ingrid Wagner eine Gitarrengruppe in Michelau. Viele Kinder und Jugendliche lernten und lernen seitdem mit Begeisterung und großem Ehrgeiz Gitarre, Mandoline, Blockflöte oder Querflöte. Schon nach kurzer Zeit wurde die Gitarrengruppe als eigenständige Abteilung in die Heimatkapelle Michelau aufgenommen. Bei vielen Auftritten wie Weihnachtsfeiern, Hochzeiten, Empfängen, Jubiläen, Einweihungen, Kommersabenden und weiteren Veranstaltungen konnten die jungen Musikerinnen und Musiker ihr Können stets unter Beweis stellen.

Seit 2010 leitet Heidi Siepak-Roth mit großem Engagement die Gitarrengruppe, in der zur Zeit 15 Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren Instrumentalunter-richt erhalten. Die fortgeschrittenen Mitglieder formieren sich als Zupfensemble „SaitenSprung“ und sind auf vielen Veranstaltungen im Jahr mit ihrer Musik gefragt.

Auch das 2014 gegründete Vokalensemble sei an dieser Stelle erwähnt, dessen erste Kostproben sehr harmonisch und tonschön klingen. Die Leitung hat Nico Heilmann, der trotz seines jugendlichen Alters ein fundiertes Wissen und seine Erfahrung bei den Würzburger Domsingknaben erfolgreich und hörbar einbringt.

 

Die Heimatkapelle abseits der Musik

Im Jahreskalender der Heimaktapelle finden sich auch viele Aktivitäten neben dem eigentlichen Musikspiel. So unterstützt man die Theatergruppe Michelau bei ihren Veranstaltungen oder beteiligt sich an den Ferienspaßaktionen der Gemeinde. Eine regel-mäßig stattfindende eigene Veranstaltung ist das Steigerwälder Musikantentreffen, das seit 15 Jahren viele begeisterte Besucher durch eine große Vielfalt an Blas-, Saiten- und Vokalmusik anzieht. Bei zahlreichen Musikerausflügen konnten die Mitglieder, Freunde und Gönner der Heimatkapelle ein großes Spektrum an Sehenswürdigkeiten, Kultur und kulinarischen Leckerbissen in Deutschland und darüber hinaus erkunden und genießen.  

Vor allem der lobenswerten Zielstrebigkeit und Weitsicht und des außergewöhn-lichen Engagements des 1. Vorsitzenden Heinrich Johannes ist es zu verdanken, dass sich die Heimatkapelle Michelau heute in dieser in jeder Hinsicht glücklichen Lage befindet. Ein breit aufgestellter Verein mit sehr gut besetztem und erfolgreichem Blasorchester, vieler-orts gefragter Gitarrengruppe, beständiger Jugendausbildung und allerhand Leben abseits der Musik zeugen von einem intakten Vereinsleben. Möge dieser Idealismus stets von allen Musikerinnen und Musikern, Dirigenten, Vorständen und Verantwortlichen, sowie Freunden und Gönnern weitergetragen und gelebt werden.

Marco Wolf

Musikalischer Leiter der Heimatkapelle Michelau e.V.

 

veröffentlicht in der Festschrift zum 70-jährigen Jubiläum der Heimatkapelle Michelau im Jahr 2015